Geschichte
Geschichte, Landeskunde
[ Pobierz całość w formacie PDF ]
3
Geschichte und
Gegenwart
Deutschlands Weg zu einer freiheit-
lichen Demokratie und einem funktio-
nierenden parlamentarischen System
führte über viele historische Brüche:
über die Kleinstaaterei der frühen Neu-
zeit, das Scheitern der Märzrevolution
und der Weimarer Republik bis zum
„Sprung aus der Geschichte“ durch den
Nationalsozialismus.
Einheit und Freiheit, seit dem 19. Jahr-
hundert zentrale Begriffe, bewegten die
Deutschen auch während der Teilung
nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst
mit der Wiedervereinigung 1990 wurde
die „deutsche Frage“ gelöst.
26
Tatsachen über Deutschland
Tatsachen über Deutschland
27
3
Geschichte und Gegenwart
Friedliche Revolution:
Am 9. November 1989 fällt
die Berliner Mauer,
das Symbol der deutschen
Teilung
Abschied von der deutschen
Frage – Rückblick auf einen langen
Weg nach Westen
Von Heinrich August Winkler
184 Jahre ist sie alt geworden, die deutsche Frage. Sie ent-
stand, als sich am 6. August 1806 der letzte Kaiser des Heili-
gen Römischen Reiches Deutscher Nation, Franz II., einem
Ultimatum Napoleons beugte, die Reichskrone niederlegte,
die Reichsstände von ihren Pflichten entband und damit das
„Alte Reich“ auflöste. Gelöst wurde die deutsche Frage, als
am 3. Oktober 1990 unter Zustimmung der ehemaligen vier
Besatzungsmächte die Deutsche Demokratische Republik
(DDR) der Bundesrepublik Deutschland beitrat. Die histori-
sche Bedeutung der
Wiedervereinigung
beschrieb beim Staats-
akt in der Berliner Philharmonie Bundespräsident Richard
von Weizsäcker mit einem Satz, der es verdient, in die
Geschichtsbücher einzugehen: „Der Tag ist gekommen, an
dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutsch-
land seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen
Demokratien findet.“
Eine deutsche Frage hat es zwischen 1806 und 1990
nicht ununterbrochen gegeben. Niemand wäre auf den
Gedanken gekommen, während der Zeit des deutschen Kai-
serreiches, zwischen 1871 und 1918, von einer offenen deut-
schen Frage zu sprechen. Unstrittig ist, dass die deutsche
Frage spätestens am 8. und 9. Mai 1945 wieder aufgeworfen
wurde, als das Deutsche Reich vor den Siegern des Zweiten
Weltkriegs bedingungslos kapitulierte. Die Teilung Deutsch-
lands in zwei Staaten war eine vorläufige Antwort auf die
deutsche Frage. Die endgültige Antwort war der Zusammen-
schluss der beiden Staaten, verbunden mit der völkerrecht-
Wiedervereinigung
Mit dem friedlichen Umsturz in
der DDR 1989 rückte die Wieder-
vereinigung beider deutscher
Staaten näher. Im Sommer 1990
begannen in Berlin die Beratun-
gen über den Einigungsvertrag.
Am 3. Oktober 1990 trat die
DDR auf Grundlage des Artikels
23 des Grundgesetzes dem Gel-
tungsbereich der Bundesrepublik
Deutschland bei. Am 2. Dezem-
ber 1990 fand die erste gesamt-
deutsche Bundestagswahl statt.
28
Tatsachen über Deutschland
Tatsachen über Deutschland
29
3
Geschichte und Gegenwart
Heiliges Römisches Reich
Die Bezeichnung für das Reich,
das sich von 962 an mit der Kai-
serkrönung Ottos I. aus dem Ost-
fränkischen Reich herausbildete –
seit 1512 offiziell „Heiliges Römi-
sches Reich Deutscher Nation“
genannt –, drückte zum einen den
Herrschaftsanspruch in der
Nachfolge des antiken „Imperium
Romanum“ aus, zum anderen
sollte die sakrale Rolle des Kai-
sertums herausgestellt werden.
Das „Reich“ bestand mehr als
acht Jahrhunderte, bis der Habs-
burger Franz II. im Jahr 1806
kurz nach der Bildung des Rhein-
bundes auf Verlangen Napoleons
die Kaiserkrone niederlegte.
lichen Anerkennung der Grenzen von 1945. Seit dem 3. Ok-
tober 1990 steht unverrückbar fest, wo Deutschland liegt,
was dazugehört und was nicht.
machen: das war ein ehrgeizigeres Ziel als jenes, das sich die
französischen Revolutionäre von 1789 gesetzt hatten. Denn
die fanden einen wenn auch vormodernen Nationalstaat
bereits vor, den sie auf eine völlig neue, eine bürgerliche
Grundlage stellen wollten. Wer Einheit und Freiheit für die
Deutschen forderte, musste vorab klären, was zu Deutschland
gehören sollte. Dass ein deutscher Nationalstaat den deutsch-
sprachigen Teil der Habsburgermonarchie umfassen musste,
war im ersten frei gewählten Parlament, der Nationalver-
sammlung in der
Frankfurter Paulskirche
, zunächst unumstrit-
ten. Erst seit dem Herbst 1848 setzte sich bei der Mehrheit der
Abgeordneten die Einsicht durch, dass es nicht in ihrer Macht
lag, das Vielvölkerreich an der Donau auseinanderzuspren-
gen. Da sich ein großdeutscher Nationalstaat mit Österreich
also nicht herbeizwingen ließ, war nur ein kleindeutscher
Nationalstaat ohne Österreich möglich, und das hieß nach
Lage der Dinge: ein Reich unter einem preußischen Erbkaiser.
Der deutsche Staat, an dessen Spitze nach dem
Willen der Frankfurter Nationalversammlung Friedrich Wil-
helm IV. von Preußen treten sollte, wäre ein freiheitlicher
Verfassungsstaat mit einem starken, die Regierung kontrol-
lierenden Parlament gewesen. Der König von Preußen hätte
als deutscher Kaiser auf sein Gottesgnadentum verzichten
und sich als Vollzugsorgan des souveränen Volkswillens ver-
stehen müssen: ein Ansinnen, das der Monarch aus dem
Haus der Hohenzollern am 28. April 1849 endgültig zurück-
wies. Damit war die Revolution gescheitert: Sie hatte den
Deutschen weder die Einheit noch die Freiheit gebracht.
Was bei den bürgerlichen Liberalen zurückblieb, war ein
Gefühl politischen Versagens: Sie hatten, so erschien es rück-
blickend, im „tollen Jahr“ vielen Illusionen nachgejagt und
waren von den Realitäten der Macht eines Besseren belehrt
worden.
„Realpolitik“ stieg nicht zufällig einige Jahre nach
der Revolution von 1848 zum politischen Schlagwort auf:
Die internationale Karriere dieses Begriffs begann mit einer
Schrift des liberalen Publizisten Ludwig August von Rochau,
die dieser 1853 unter dem Titel „Grundsätze der Realpolitik.
1830–1848: Vormärz und Paulskirchenbewegung
Für die Deutschen hatte die deutsche Frage immer zwei Sei-
ten: Sie war eine Frage des Gebiets und eine Frage der Ver-
fassung, genauer gesagt: des Verhältnisses von Einheit und
Freiheit. Im Mittelpunkt der Gebietsfrage stand das Problem
„großdeutsch“ oder „kleindeutsch“. Wenn es gelang, an die
Stelle des
Heiligen Römischen Reiches
einen deutschen Natio-
nalstaat zu setzen, musste dieser das deutschsprachige Öster-
reich einschließen, oder ließ sich eine Lösung der deutschen
Frage ohne diese Gebiete vorstellen? Die Verfassungsfrage
betraf vor allem die Machtverteilung zwischen Volk und
Thron. Wer sollte in einem einigen Deutschland das Sagen
haben: die gewählten Vertreter der Deutschen oder die Fürs-
ten beziehungsweise deren mächtigster?
Um Einheit und Freiheit ging es erstmals in den Befrei-
ungskriegen gegen Napoleon. Der Kaiser der Franzosen
wurde geschlagen, aber die Beseitigung der Fremdherrschaft
brachte den Deutschen weder ein einheitliches Deutschland
noch freiheitliche Verhältnisse in den Staaten des
Deutschen
Bundes
, der 1815 an die Stelle des Alten Reiches trat. Aber dau-
erhaft unterdrücken ließ sich der Ruf nach Einheit und Frei-
heit nun nicht mehr. Er wurde zu Beginn der 1830er Jahre wie-
der laut, nachdem die Franzosen sich in der Julirevolution von
1830 eine bürgerlich-liberale Monarchie erkämpft hatten.
Und wenn sich auch in Deutschland die alten Gewalten aber-
mals durchsetzen konnten, so gaben doch die Liberalen und
Demokraten fortan keine Ruhe mehr. Im März 1848 brach,
angestoßen durch das französische Beispiel vom Februar,
auch in Deutschland die Revolution aus: Einheit und
Freiheit war erneut die Forderung der Kräfte, die
sich auf der Seite des historischen Fortschritts
wussten. Aus Deutschland einen Nationalstaat
und gleichzeitig einen Verfassungsstaat zu
Paulskirche 1848
Die deutsche „Märzrevolution“
zwischen März 1848 und Som-
mer 1849 war eine bürgerlich-
demokratische und nationale
Erhebung, wie sie zugleich in wei-
ten Teilen Europas stattfand. Sie
war ein erster Versuch, einen
freien, demokratischen und ein-
heitlichen deutschen National-
staat zu schaffen. Die „Deutsche
Revolution“ erzwang die Beru-
fung liberaler Regierungen und
Wahlen zu einer verfassungge-
benden Nationalversammlung,
die in der Paulskirche in Frankfurt
am Main zusammentrat. Bis zum
Juli 1849 wurde die Bewegung
von den Truppen der deutschen
Fürsten gewaltsam niederge-
schlagen und wurden die alten
Verhältnisse weitgehend wieder-
hergestellt.
Deutscher Bund
Der lose Zusammenschluss der
souveränen deutschen Staaten
und freien Städte wurde 1815 auf
dem Wiener Kongress gebildet.
Dem Bund gehörten zunächst 41,
am Schluss 33 Mitglieder an.
Zweck der Konföderation war vor
allem die innere und äußere
Sicherheit all ihrer Mitglieder. Der
Bund hatte nur ein einziges
Organ: die Bundesversammlung
mit Sitz in Frankfurt am Main. Der
sich seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts verschärfende österrei-
chisch-preußische Gegensatz
führte zum Ende des Deutschen
Bundes. 1866 wurde er aufgelöst.
Das „Hambacher Fest“, 1832:
Höhepunkt der bürgerlichen
Opposition des „Vormärz“
30
Tatsachen über Deutschland
Tatsachen über Deutschland
31
3
Geschichte und Gegenwart
Otto von Bismarck (1815–1898)
Die Einigung Deutschlands unter
der Vormachtstellung Preußens
war das erklärte Ziel des Staats-
mannes Otto von Bismarck, den
König Wilhelm I. 1862 zum Minis-
terpräsidenten Preußens berufen
hatte. Nach dem Krieg 1866
gegen Österreich wurde der
Deutsche Bund aufgelöst und der
Norddeutsche Bund gegründet,
dem sich 17 deutsche Kleinstaa-
ten unter Führung Preußens
anschlossen. Der Sieg über Frank-
reich 1870/71 führte zur Grün-
dung des zweiten Deutschen
Reichs und zur Kaiserproklama-
tion Wilhelms I. in Versailles. Bis-
marck blieb Ministerpräsident
und wurde zugleich Reichskanz-
ler. Der Reichstag wurde als
gewählte Volksvertretung – mit
eingeschränkten Rechten – neu
geschaffen. Bismarck bekämpfte
erbittert den Linksliberalismus,
den politischen Katholizismus
und die Sozialdemokratie, sorgte
aber in den 1880er Jahren auch
für die fortschrittlichste Sozialge-
setzgebung in Europa. Schwere
Konflikte mit dem seit 1888
regierenden Kaiser Wilhelm II.
führten 1890 zur Entlassung
des „Eisernen Kanzlers“.
Angewendet auf die staatlichen Zustände Deutschlands“
herausbrachte. Der Sache nach hatte sich freilich die Pauls-
kirche durchaus schon in „Realpolitik“ geübt, als sie das
Selbstbestimmungsrecht anderer Völker – der Polen im
preußischen Großherzogtum Posen, der Dänen in Nord-
schleswig, der Italiener in „Welschtirol“ – ignorierte und die
Grenzen des künftigen Deutschen Reiches dort zu ziehen
beschloss, wo es das vermeintliche nationale Interesse
Deutschlands gebot. Damit war der Einheit erstmals ein
höherer Rang zuerkannt worden als der Freiheit. Noch war
es die Freiheit anderer Nationen, die hinter dem Ziel der
deutschen Einheit zurückzustehen hatte.
seiner Rittergutsbesitzer, seines hohen Beamtentums. Sie
widersprach auch den Interessen der anderen deutschen
Staaten, obenan Bayern, Sachsen, Württemberg. Ihnen
stand in Gestalt des Bundesrates ein wesentlicher Anteil an
der Exekutivgewalt im Deutschen Reich zu, und diese Macht
wollten sie nicht zugunsten des Reichstags aufgeben.
Der Reichstag wurde aufgrund des allgemeinen und
gleichen Wahlrechts für Männer gewählt, die das 25. Lebens-
jahr vollendet hatten. Das entsprach den Bestimmungen der
niemals in Kraft getretenen Reichsverfassung von 1849 und
gab den Deutschen mehr demokratische Rechte, als sie
damals die Bürger liberaler Mustermonarchien wie Groß-
britannien oder Belgien genossen. Man kann infolgedessen
von einer Teildemokratisierung Deutschlands im 19. Jahr-
hundert oder, bezogen auf die Gesamtdauer des Kaiser-
reiches, von einer ungleichzeitigen Demokratisierung
sprechen: Das Wahlrecht wurde vergleichsweise früh, das
Regierungssystem im engeren Sinn spät demokratisiert.
1871: Die Reichsgründung
Vor der „Schlacht um Verdun“,
1916: Über 700 000 Deutsche und
Franzosen verloren ihr Leben
In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts aber fiel die
Entscheidung für den Vorrang der Einheit vor der Freiheit
auch in Deutschland. Das war das Ergebnis jener „Revolution
von oben“, mit der der preußische Ministerpräsident
Otto von
Bismarck
die deutsche Frage auf seine Weise löste. Die innen-
politische Machtfrage entschied er durch den preußischen
Verfassungskonflikt der Jahre 1862 bis 1866 zugunsten der
Exekutive und gegen das Parlament; die außenpolitische
Machtfrage wurde durch den Krieg von 1866 im kleindeut-
schen Sinn, also unter Ausschluss Österreichs, und im
Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegen die Macht
beantwortet, die bis dahin ein Veto gegen die Errichtung
eines deutschen Nationalstaats eingelegt hatte: das Frank-
reich Napoleons III.
Ein Ziel der Revolution von 1848 war damit erreicht:
das der Einheit. Die Forderung nach Freiheit aber, sofern
man darunter vor allem eine dem Parlament verantwortli-
che Regierung verstand, blieb unerfüllt. Die Freiheitsfra-
ge hätte Bismarck selbst dann nicht im Sinne der Libe-
ralen lösen können, wenn das seine Absicht gewesen
wäre: Eine Parlamentarisierung widersprach nicht nur
elementar den Interessen der Trägerschichten des
alten Preußen – seiner Dynastie, seines Heeres,
1914–1918: Der Erste Weltkrieg
Erster Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg (1914–1918)
wurde zunächst zwischen dem
Deutschen Reich und Österreich-
Ungarn auf der einen und den
Entente-Mächten Frankreich,
Großbritannien, Russland und
Serbien auf der anderen Seite
ausgetragen. In seinem Verlauf
traten weitere Staaten in Europa,
Asien, Afrika und Amerika in den
Krieg ein, darunter 1917 die USA,
deren Kriegseintritt entschei-
dend werden sollte. Der Krieg
forderte fast 15 Millionen Men-
schenleben. Dem militärischen
Zusammenbruch des Deutschen
Reiches folgte die politische
Umwälzung: Als Folge der Revo-
lution im November 1918 unter-
zeichnete Kaiser Wilhelm II. die
Abdankungserklärung. Die
Monarchie wich der Republik.
Erst im Oktober 1918, als es an der militärischen Niederlage
Deutschlands im
Ersten Weltkrieg
keinen Zweifel mehr gab,
erfolgte die entscheidende Verfassungsänderung, die den
Reichskanzler vom Vertrauen des Reichstags abhängig
machte. Die Parlamentarisierung sollte die siegreichen west-
lichen Demokratien einem milden Frieden geneigt machen
und einer Revolution von unten zuvorkommen. Beide Ziele
wurden nicht erreicht, aber den Gegnern der Demokratie
war es fortan ein Leichtes, das parlamentarische System als
„westlich“ und „undeutsch“ zu denunzieren.
Die Revolution von unten brach im November 1918
aus, weil die Oktoberreform ein Stück Papier blieb: Das Mili-
tär war zu großen Teilen nicht bereit, sich der politischen
Führung durch die parlamentarisch verantwortliche Reichs-
leitung zu unterstellen. Zu den großen oder klassischen
Revolutionen der Weltgeschichte kann man die deutsche
von 1918/19 aber nicht rechnen: Für einen radikalen politi-
Der „Eiserne Kanzler“: Otto
von Bismarck prägte über knapp
drei Jahrzehnte die Politik
32
Tatsachen über Deutschland
Tatsachen über Deutschland
33
3
Geschichte und Gegenwart
Weimarer Republik
Am 9. November 1918 rief der
Sozialdemokrat Philipp Scheide-
mann die Republik aus. Benannt
wurde sie später nach der Stadt
Weimar, wo die verfassunggeben-
de Nationalversammlung tagte.
Während der Weimarer Republik
(1919–1933) war das Deutsche
Reich – wie das Land weiterhin
hieß – ein demokratischer Bun-
desstaat, eine Mischform aus
präsidentiellem und parlamen-
tarischem Regierungssystem.
Auch dieser zweite Versuch, eine
liberale Demokratie nach west-
lichem Muster in Deutschland zu
etablieren, scheiterte. Inner-
lich zerrissen endete sie mit der
Machtübernahme durch die
Nationalsozialisten, die in eine
totalitäre Diktatur führte.
schen und gesellschaftlichen Umbruch nach Art der Fran-
zösischen Revolution von 1789 oder der russischen Oktober-
revolution von 1917 war Deutschland um 1918 bereits zu
„modern“. In einem Land, das auf der nationalen Ebene seit
rund einem halben Jahrhundert das allgemeine gleiche
Wahlrecht für Männer kannte, konnte es nicht um die Ein-
richtung einer revolutionären Erziehungsdiktatur, sondern
nur um mehr Demokratie gehen. Das hieß konkret: Einfüh-
rung des Frauenwahlrechts, Demokratisierung des Wahl-
rechts in den Einzelstaaten, Kreisen und Gemeinden, volle
Durchsetzung des Prinzips parlamentarisch verantwort-
licher Regierungen.
Tanz auf dem Vulkan:
Der Maler Otto Dix hielt das
mondäne Leben in Berlin
fest („Großstadt“, 1927)
1919–1933: Die Weimarer Republik
Der Friedensvertrag von Versailles, den Deutschland am 28.
Juni 1919 unterzeichnen musste, wurde von fast allen Deut-
schen als schreiendes Unrecht empfunden. Das lag an den
Gebietsabtretungen, vor allem an denen zugunsten des neu
entstandenen Polen, an den materiellen Belastungen in
Form der Reparationen, dem Verlust der Kolonien und den
militärischen Beschränkungen, die allesamt mit der Kriegs-
schuld des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten
begründet wurden. Als ungerecht galt auch, dass Österreich
die Vereinigung mit Deutschland untersagt wurde. Nach-
dem mit dem Untergang der Habsburgermonarchie das
Haupthindernis für die Verwirklichung der großdeutschen
Lösung entfallen war, hatten sich die Revolutionsregierun-
gen in Wien und
Berlin
für den sofortigen Zusammenschluss
der beiden deutschsprachigen Republiken ausgesprochen.
Der Popularität dieser Forderung konnten sie sich in beiden
Ländern gewiss sein.
Die Anschlussverbote in den Friedensverträgen von
Versailles und Saint-Germain vermochten das Wiedererstar-
ken des großdeutschen Gedankens nicht zu verhindern. Er
verband sich mit einer Renaissance der alten Reichsidee:
Gerade weil Deutschland militärisch geschlagen war und an
den Folgen der Niederlage litt, war es empfänglich für die
Lockungen, die von einer verklärten Vergangenheit ausgin-
gen. Das Heilige Römische Reich des Mittelalters war kein
Berlin der „Goldenen Zwanziger“
Die Phase wirtschaftlicher Auf-
wärtsentwicklung und politischer
Beruhigung führte von 1924–1929
zu einer kurzen intensiven Blüte-
zeit, die am ausgeprägtesten in
der Reichshauptstadt Berlin zu
spüren war. Die Metropole entwi-
ckelte sich zu einem der kul-
turellen und wissenschaftlichen
Mittelpunkte Europas. Techni-
scher Fortschritt und künstleri-
sche Experimentierfreudigkeit in
Architektur, Theater, Literatur
und Film beflügelten das Lebens-
gefühl. Mit der Weltwirtschafts-
krise von 1929 zeichnete sich das
Ende der „Goldenen Zwanziger“
und der Niedergang der Weima-
rer Republik ab.
Die Kontinuität zwischen dem Kaiserreich und der
Weimarer
Republik
, wie sie aus dem Sturz der Monarchie im November
1918 und den Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen
Nationalversammlung im Januar 1919 hervorging, war in
der Tat beträchtlich. In gewisser Weise lebte sogar die Insti-
tution des Monarchen in veränderter Form fort: Das Amt des
vom Volk gewählten Reichspräsidenten war mit so starken
Befugnissen ausgestattet, dass schon Zeitgenossen von
einem „Kaiserersatz“ oder einem „Ersatzkaiser“ sprachen.
Auch moralisch gab es keinen Bruch mit dem Kai-
serreich. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der
Kriegsschuldfrage fand nicht statt, obwohl (oder
weil) die deutschen Akten eine klare Sprache spra-
chen: Die Reichsleitung hatte nach der Ermordung
des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in
Sarajevo am 28. Juni 1914 die internationale Krise
bewusst zugespitzt und trug damit die Hauptverant-
wortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die
Folge der fehlenden Kriegsschulddiskussion war eine deut-
sche Kriegsunschuldlegende. Zusammen mit der Dolchstoß-
legende (der zufolge der Verrat in der Heimat zur Niederla-
ge Deutschlands geführt hatte) trug sie dazu bei, die Legiti-
mität der ersten deutschen Demokratie zu untergraben.
Streiterin für die
Arbeiterbewegung: Rosa
Luxemburg wurde 1919
während der Revolu-
tionswirren in Berlin
ermordet
34
Tatsachen über Deutschland
Tatsachen über Deutschland
35
[ Pobierz całość w formacie PDF ]